KN: „Du und wir, das hat gut funktioniert“

Weitere
Freitag, 03.02.2017 // 12:43 Uhr

Am Freitag wird Handball-Bundestrainer Dagur Sigurdsson beim Allstar Game in Leipzig verabschiedet. Nationaltorwart Andreas Wolff erinnert sich in einem emotionalen Abschiedsbrief an die besonderen Momente mit dem Trainer.

Handball-Nationaltorwart Andreas Wolff schreibt zum Abschied exklusiv an Dagur Sigurdsson

Lieber Dagur!

Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich Dich das erste Mal erlebt habe. Ein bisschen nervös war ich bei dem Nationalmannschaftslehrgang, wie ich zugeben muss: Dein autoritäres Auftreten, Dein fokussierter Blick, die gerade Haltung. Wenn Du eine Ansage gemacht hast, dann war das keine Bitte, es war eine Aufforderung. Du hast immer klar gesagt, was Du wolltest und wie Du es Dir vorstellst – vielleicht war das auch ein Grund, warum wir mit Dir so erfolgreich waren. 

Du wurdest oft als Eisberg bezeichnet. Und gesprochen hast Du tatsächlich nicht so viel. Du bist eben keiner der viel redet. Wenn wir als Mannschaft essen waren, hast Du gegessen, bist aber auch schnell wieder aufgestanden und gegangen – ohne groß was zu sagen. Du warst eben immer im Tunnel, hattest das nächste Spiel im Kopf. Trotzdem blitzte manchmal Dein Humor auf, nicht auf dem Spielfeld, aber am Rande. Wenn Du plötzlich einen unerwarteten Spruch parat hattest. Das war oft schon sehr lustig.

Kreativ waren auch Deine Trainingsmaßnahmen. Statt immer wieder Intervallläufe, bis man kotzt, sind wir mit Dir auch mal durchs Berliner Regierungsviertel gelaufen. Training, dazu ein bisschen Kultur – da haben wir fast vergessen, dass es ein intensives Lauftraining war. Als Du kamst, waren wir ein junges Team, das sich noch im Aufbau befand. Aber Du hattest einen Plan, wie Du uns motivierst.

Du zeigtest uns einen Film des US-Basketballteams Detroit Pistons. Ohne große Superstars war es der Teamzusammenhalt, der sie stark und erfolgreich machte. Ihr Name: Bad Boys. Und zu denen machtest Du uns auch: einer eingeschworenen Mannschaft, die jedes Spiel mit einer hundertprozentigen Einstellung anging, mit Leidenschaft und Kampfgeist. Wir haben uns damit identifiziert. Bei der EM 2016 hat uns das durchs Turnier getragen, von Sieg zu Sieg geführt. Es war ein besonderer Kick.

Von diesen Motivationstricks hattest Du viele. Ich weiß noch, wie wir mal in Deinem Hostel auf Island als Mannschaft übernachtet haben – in Sechsbettzimmern. Auch wenn wir nicht sonderlich verwöhnt sind, muss ich sagen, dass sich meine Freude darüber in Grenzen hielt. Zumal es auf Island in dieser Zeit nur zwei Stunden am Tag hell war. Aber es war ein Erlebnis, über das wir noch heute sprechen. Am Ende haben wir mit Dir die EM gewonnen.

Es war immer mein Traum, Europameister zu werden, unser Traum – und entsprechend haben wir als Mannschaft auch gefeiert. Aber nicht Du. Du bist keiner, der die Hemmung verliert, der mit uns Spielern einen getrunken hat. Wenn wir nach dem EM-Finalsieg gegen Spanien oder nach dem Bronze-Gewinn bei den Olympischen Spielen in Rio die Sau rausgelassen haben, hast Du Dir das angeguckt, es genossen, Dir ein Bier aufgemacht und gelacht. Und Du hast gesagt, wie stolz Du auf uns bist.

Als ich davon erfahren habe, dass Du nach Japan gehst, war ich überrascht. Du und wir, Dein Team, das hat gut funktioniert. Du bist ein sehr, sehr guter Trainer. Schade, dass wir Dich verlieren. Auch für mich persönlich. Immerhin hast Du mich zum Nationaltorwart gemacht, mich mit zur EM genommen – als alle noch laut nach Silvio Heinevetter im Tor schrieb. Als Trainer war es nicht Deine Aufgabe, Dich um das Torwartspiel zu kümmern. Und trotzdem hast Du mich zur Seite genommen, mir gesagt, ich sollte mich nicht so über nicht gehaltene Bälle ärgern, sondern lieber nach vorne schauen. Du wusstest, wie man motiviert. Deswegen haben wir bei der WM für Dich bis zum Ende Vollgas gegeben.

Das Ende war für uns alle enttäuschend. Ich war sehr gefrustet nach dem viel zu frühen Aus im Achtelfinale gegen Katar. Aber Du hast Niederlagen immer am meisten gehasst. Egal ob im Fußballtrainingsspiel oder nach einem Testspiel. Man hat Dir angesehen, wie sehr Dich eine Niederlage wurmt. Manchmal warst Du Tage lang schlecht drauf. Nach dem Aus gegen Katar hast Du zu uns in der Kabine nur gesagt: ,Niederlagen gehören für große Mannschaften mit dazu, aber sie müssen daraus für die Zukunft lernen.“ Das war das Beste, was Du in dieser Situation sagen konntest.

Am Freitag wirst Du beim All-Star Game in Leipzig verabschiedet. Ein paar Worte hast Du zu uns schon in Frankreich gesagt. Und es würde mich nicht wundern, wenn es von Dir keine großen Worte mehr gibt. Deine Emotionen behält Du eben lieber für Dich. Andreas Wolff

(Aus den Kieler Nachrichten vom 02.02.2017, Foto: Archiv/Sascha Klahn)

 

Mehr zum Thema

In der Hauptrunden-Gruppe II kam es am Mittwochabend zum Fotofinish um den Halbfinal-Einzug: Nachdem Norwegen mit einem Sieg gegen Ungarn vorgelegt hatte, entschied die letzte Hauptrunden-Partie zwischen den ewigen skandinavischen Rivalen Dänemark und Schweden am Abend über die Teilnahme an der Vorschluss-Runde. Den letzten Halfinal-Platz sicherten sich letzlich Magnus und Niklas Landin mit...

23.01.2019

Die deutsche Handball-Nationalmannschaft bleibt bei der Heim-WM unbesiegt: Zum Abschluss der Hauptrunde besiegte die DHB-Auswahl vor 19.250 Fans im ausverkauften Tollhaus Lanxess-Arena in der Neuauflage des EM-Endspiels 2016 den amtierenden Europameister Spanien mit 31:30 (17:16). Damit holte sich Deutschland in der Hauptrunden-Gruppe I den ersten Platz und trifft damit am Freitag im Halbfinale...

23.01.2019

Köln. 19, 21, 22, 25, 23, 19, 21. Die Zahl an Gegentoren der deutschen Handball-Nationalmannschaft bei der Heim-WM klingt nach Weltklasse. Nach einer Weltklasse-Abwehr. Man of the Match werden immer andere. Die Torjäger. Doch auf einmal reden alle über Defensive. Diese Geschichte ist in Kiel eine alte Leier. Die Kieler kennen sie. Doch jetzt ist es die Geschichte von der besten Abwehr der Welt....

23.01.2019

Kiel. Wo zur Hölle liegt Herning? Diese Frage stellten sich am Montagabend offenbar zahlreiche Handball-Fans. Nach dem Halbfinaleinzug des DHB-Teams wollten sie wissen, wo die Deutschen zum Abschluss der Weltmeisterschaft das Finale oder das Spiel um Platz drei spielen.

23.01.2019

Der deutsche Handball-Rekordmeister THW Kiel und das igefa-Mitglied Henry Kruse bauen ihre Kooperation aus: Seit dieser Saison ist Henry Kruse offizieller Hygienepartner des THW Kiel und stellt der Mannschaft, dem Umfeld und den Mitarbeitern Hygieneprodukte aus dem Sortiment des Großhandelsunternehmens zur Verfügung. Auch das neue Leistungszentrum in Altenholz wird von Henry Kruse in dieser...

22.01.2019

Die deutsche Handball-Nationalmannschaft hat beim 22:21-Erfolg gegen Kroatien eine Rekordquote an Zuschauern vor die Fernseher gelockt. Erstmals seit dem EM-Finale 2016, in dem die DHB-Auswahl sensationell gegen Spanien den Titel holte, sahen im Schnitt mehr als 10 Millionen Zuschauer die Liveübertragung eines Handball-Spiels - und feierten mit Andreas Wolff, Hendrik Pekeler, Patrick Wiencek,...

22.01.2019

Der WM-Wahnsinn geht weiter: Am Montagabend besiegte die deutsche Handball-Nationalmannschaft Kroatien nach leidenschaftlich geführten 60 Minuten mit 22:21 (11:11) und sicherte sich damit noch vor dem abschließenden Hauptrunden-Spiel gegen Spanien (Mittwoch, 20:30 Uhr, live in der Sportschau und beim Public Viewing im Handballbahnhof) das Halbfinal-Ticket. Vor 19.500 enthusiastischen Fans in der...

21.01.2019

Die Tabellen-Situation in der Hauptrunden-Gruppe II spitzt sich zu: Schweden vergab gegen Norwegen den ersten Halbfinal-Matchball, und selbst Dänemark muss trotz des Sieges gegen Ägypten noch um die Halbfinal-Teilnahme zittern. 

21.01.2019