KN: Abwehr-Fels, zurück in der Brandung

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Mittwoch, 13.09.2017 // 09:46 Uhr

Kiel. Das hatte sich René Toft Hansen wahrscheinlich anders vorgestellt. Nach rund fünfmonatiger Verletzungspause feierte der 32-jährige Däne vor einer Woche endlich sein Comeback im Team des Handball-Rekordmeisters THW Kiel. Einer mit dem Charisma des 2,00 Meter großen Abwehrspezialisten ist schnell wieder heimisch im Innenblock an der Seite von Patrick Wiencek. Doch Toft Hansen schlitterte prompt mit den Zebras in eine Ergebnis-Krise, war sofort zu längeren als nur dosierten Kurzeinsätzen gezwungen, konnte allerdings an den Niederlagen gegen Hannover (29:31) und in Melsungen (25:29) nichts ändern.

Löst René Toft Hansen Kieler Defensivprobleme?

Zuerst war da ein gutes Gefühl: Der dänische Abwehr-Fels in der Brandung, die den Kielern zusehends entgegenschlägt, sorgte schnell wieder für klare Verhältnisse, erzeugte mit seiner Aura im Verbund mit seinem kongenialen Partner Patrick Wiencek das, was den Zebra-Mittelblock berüchtigt macht - Erbarmungslosigkeit. Der Qualitätsunterschied zu den letzten Wochen ohne Titan Toft wurde schnell offenbar. "Wenn René fit ist, gibt es auf der Deckungsposition drei im Abwehr-Innenblock kaum einen Besseren auf der Welt. Das sagt alles darüber, wie wichtig er für uns noch sein wird. Ich hoffe, dass er zu seiner Form aus der Saison 2014/2015 zurückfindet", lauteten die respektvollen Begrüßungsworte von THW-Trainer Alfred Gislason nach der Rückkehr seines Schützlings in den Deckungsblock.

"Wenn René fit ist" - war er bloß in der Vergangenheit viel zu selten. Im Dezember 2015 setzte ein Kreuzbandriss den Titel- und Medaillenhamster (Europameister 2012, Olympiasieger 2016, 3x Dänischer Meister und 2x Pokalsieger, 3x Deutscher Meister und 2x Pokalsieger) außer Gefecht. Beispiellos kämpfte er sich bis zu den Olympischen Spielen in Rio 2016 zurück, krönte sein Comeback mit Gold und war danach für Außenstehende nicht mehr derselbe. Das Kapitänsamt reichte er nach der Saison an Domagoj Duvnjak weiter, wirkte seither oft müde, ausgelaugt. Im November 2016 kam die nächste Zwangspause durch einen Haarriss im Schienbeinkopf und eine Kreuzbandzerrung. Die Weltmeisterschaft im Januar 2017 in Frankreich, während der sich der Kreisläufer, der seit 2012 beim THW Kiel unter Vertrag steht, selbst einen Maulkorb auferlegte, nicht mit den Medien sprach, geriet zum (sportlichen) Fiasko. Dänemark schied im Achtelfinale aus. Toft Hansen musste später ab April aufgrund einer Schambeinentzündung (THW-Mannschaftsarzt Dr. Frank Pries: "Auch ein Resultat fehlender Schonung") wieder pausieren.

Mittlerweile ist die WM und die Hetzjagd dänischer Medien, die dem Familienvater diverse Probleme abseits des Handballs andichteten, abgehakt. "Ich mache mir darüber keine Gedanken mehr." Schon während der Sommer-Vorbereitung im THW-Trainingslager sah man den Riesen mit dem warmen Lächeln und dem offenen Blick immer häufiger entspannt, gelöst, freundlich, als sei der Spaß am Handball dieser Abwehr-Maschine ganz aufs Neue in die Glieder gefahren. Und das, obwohl sich seit April ganz andere Launen breitmachten. "Jetzt fühle ich mich gut. Während der Verletzung war ich schon sehr frustriert. Beim Kreuzbandriss wusste ich genau, dass ich sechs bis neun Monate ausfallen würde. Jetzt konnte mir das keiner so genau sagen. Erst vor drei Wochen war ich dann endlich schmerzfrei."

Wer René Toft Hansen kennt, weiß, wie sehr Ehefrau Kathrine und die kleine Julie (3) den Frust in den vergangenen Monaten zu lindern vermochten. Schmerzfrei und glücklich will der dänische Nationalspieler nun in die Zukunft blicken. In Kiel? "Meine Zukunft ab Sommer 2018 war bei mir zuletzt noch nicht im Fokus. Ich will erst richtig fit sein. Meine Familie und ich fühlen uns sehr wohl in Kiel. Der THW ist ein Top-Verein. Aber ich hatte auch viele Verletzungen in den vergangenen Jahren. Ich muss sehen, ob ich es schaffe, bin aber entspannt." Im kommenden Sommer wird Nationalspieler Hendrik Pekeler am Kreis den THW verstärken, die Verträge von Toft Hansen und Christian Zeitz laufen aus. Zu beiden Personalien wollten sich die THW-Verantwortlichen bislang nicht äußern. "Beide müssen erst einmal fit werden und gut spielen", sagte Alfred Gislason, für den Nachwuchs-Mann Sebastian Firnhaber in den vergangenen Spielen keinen adäquaten Ersatz im Innenblock darstellte. Trotzdem äußerte sich THW-Geschäftsführer Thorsten Storm positiv über den 23-jährigen Rotschopf: "Wenn Sebastian Firnhaber so weitermacht, wird er irgendwann eine Einladung zur Nationalmannschaft bekommen. Wir brauchen drei Leute für den Abwehr-Mittelblock, aber der Dritte kann auch Sebastian sein. Sportlich zahlt er momentan Lehrgeld. Aber das darf man ihm nicht vorwerfen." Bei den Zebras herrscht Handlungsbedarf in der Deckung, doch Storm erteilt einem weiteren Transfer eine Absage: "Die wirtschaftlichen Möglichkeiten für einen weiteren Spieler sind momentan erschöpft, auch wenn wir wissen, dass eigentlich einer fehlt." Also wird es auch auf den dänischen Abwehr-Fels René Toft Hansen ankommen, der endlich zurück ist in der Kieler Brandung.

(Von Tamo Schwarz, aus den Kieler Nachrichten vom 13.09.2017, Foto: Sascha Klahn)

 

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