KN: „Ein extrem wichtiger Moment“

Weitere
Dienstag, 11.04.2017 // 12:27 Uhr

Hamburg. Das 13. Pokalfinale des THW Kiel, der zehnte Triumph des Rekord-Pokalsiegers und zugleich der 13. große Titel (2x Champions League, 6x Meisterschaft, 5x Pokal) für Trainer Alfred Gislason mit den Zebras. Ein ganz besonderer. Oder, Alfred Gislason?

THW Kiel : Trainer Alfred Gislason im Interview über den Pokalsieg, Kapitän Domagoj Duvnjak und Kritik an seiner Person

Herr Gislason, Schönheit im Handball ist schwer messbar. Aber Ihre Mannschaft hat lange nicht so schönen Handball gespielt wie in der ersten Halbzeit des Pokalendspiels...

Alfred Gislason: ...und ganz ehrlich: Eigentlich ist genau das unser Plan. Aber das geht so richtig erst, wenn eine Mannschaft perfekt eingespielt ist. Dann läuft der Ball. Das braucht Zeit. 

Ich habe Sie selten so gelöst, so strahlend gesehen wie nach dem Schlusspfiff, als Sie in die Kieler Fankurve liefen. Wie viel Erleichterung, wie viel Genugtuung steckte in diesem Jubel?

Nicht alle verstehen, was wir hier machen. Und nicht alle haben Verständnis für unsere Probleme. Wir haben viel investiert, das Team komplett verjüngt. Aber die Ansprüche in diesem Verein bleiben ja bestehen, weiter Titel gewinnen zu wollen. Ich weiß genau, was wir machen, bin bei unserer Linie geblieben und sehe ein Riesenpotenzial in dieser Mannschaft. Die Erleichterung ist schon sehr groß, das gebe ich zu. Aber vor allem empfinde ich Riesenfreude. Am Sonnabend nach dem Halbfinale wurde ich von unzähligen Journalisten gefragt: ,Was würde bei einer zweiten titellosen Saison in Folge passieren?’, ,Würde der Pokalsieg die Saison retten?’ – jetzt haben wir den Titel, aber auch ohne ihn wäre nichts kaputt gewesen.

Dennoch: Ist dieser Titel ein ganz besonderer?

Ja, das glaube ich schon. Ein extrem wichtiger Moment. Einige gewinnen ihren ersten Titel. Großartig für die Jungs und für den Verein. Für die Mannschaft ist dieser Titel ein gewisser Meilenstein. Sie weiß jetzt, dass sie solche Spiele gewinnen kann, hat Selbstvertrauen gewonnen. Das bestätigt mich, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Dieser Titel kann die Grundlage für Großes sein. Und er bedeutet mir persönlich sehr, sehr viel.

Könnte er auch Schub für das Saisonfinale sein?

Es müsste ein mittleres Wunder passieren, damit wir noch in die Meisterschaft eingreifen können. Die SG Flensburg-Handewitt ist schwer einzuholen. Aber wir werden bis zum Saisonende um jeden Punkt kämpfen. Ob es einen Schub geben wird, ist schwer zu sagen. Gegen Barcelona im Champions-League-Viertelfinale müssen wir hundertprozentig ohne Domagoj Duvnjak auskommen, ...

... der in dieser Woche am Knie operiert werden soll, danach sechs bis neun Monate ausfallen wird und von der Europameisterschaft im Januar 2018 in seiner Heimat Kroatien träumt.

Wir dürfen ihn nicht weiter quälen, jetzt lassen wir ihn in Ruhe. Er wollte unbedingt spielen. Wir hätten nicht zugelassen, dass er seine Gesundheit riskiert. Aber die Ärzte haben ihm gesagt, dass er sich nicht gefährdet und „nur“ die Schmerzen aushalten muss, dann würde es gehen. Er hat bis zum Final Four so gut wie gar nicht trainiert, war nur mit Behandlungen beschäftigt. Er hat uns diesen Titel ermöglicht. Jetzt hoffe ich, dass Steffen Weinhold gesund bleibt, dass Christian Zeitz irgendwann wieder da ist für die Abwehr, und mit Nikola Bilyk haben wir einen guten Vertreter in der Rückraum-Mitte. Und wir haben jetzt mit Rune Dahmke auch noch eine etwas ungewöhnliche Option auf der Spielmacher-Position. 

Sie haben Dahmke im Finale den Vorzug vor Duvnjak und Bilyk auf dieser Position gegeben. Warum?

Wir haben in der Woche mit ihm auf der Mitte trainiert, ich wollte etwas Neues reinbringen. Er hat auf der Position in der Jugend viel gespielt, ist technisch sehr gut, hat Duvnjak sehr gut in Position gebracht. Mit ihm war mehr Tempo, mehr Druck in unserem Spiel. Das war eine unglaublich starke Leistung. Wir haben zuletzt viel Kritik für unsere Linksaußen bekommen. Beim Final Four waren beide fast ohne Fehler. Ich habe mich richtig für Rune gefreut. Vielleicht kam damals die Nominierung für die Nationalmannschaft zu früh für ihn, das ist oft so bei jungen Spielern. Danach hat ihn das „Müssen“ unter Druck gesetzt. 

Andere Spieler kamen am Wochenende gar nicht zum Einsatz. Trotzdem war der Teamspirit beeindruckend.

Ich spreche in der Kabine an, wer erst einmal nur hinter der Bank bleibt. Aber die Spieler merken es auch so. Ein Blazenko Lackovic weiß, dass ich auf die Jungen setze, und er unterstützt sie vorbildlich. Stimmung und Einstellung waren überragend, alle haben sich voll reingehängt, vom Weltklasse-Kapitän Duvnjak über den starken Niklas Landin im Tor, Steffen Weinhold, Patrick Wiencek bis zu jedem Spieler auf der Bank.

Ihre Medaille bekamen Sie von HBL-Präsident Uwe Schwenker (ehemaliger THW-Manager, d. Red.) überreicht.

Uwe und ich haben noch guten Kontakt. Ein schöner Moment.

Ist die Kritik der vergangenen Monate wirklich an Ihnen abgeprallt?

Es geht uns doch allen so, dass wir lieber etwas Positives als Negatives lesen oder hören. Aber ich lese wirklich nichts im Internet, bin nicht auf Facebook, war in meiner Zeit in Kiel seit 2008 insgesamt sogar weniger als zehnmal auf unserer Vereinshomepage. Ich bekomme viel von der Kritik also gar nicht mit. Aber die Pfiffe nach unserer Heimniederlage gegen Silkeborg, als einige auf den Rängen auch meine Ablösung gefordert haben, habe ich schon bemerkt.

(Von Timo Schwarz, aus den Kieler Nachrichten vom 11.04.2017, Foto/Archiv: Sascha Klahn)

 

Mehr zum Thema

Niclas Ekberg wechselte im Sommer 2012 zum THW Kiel. Kaum zu glauben, dass das bereits fünf Jahre her ist. Inzwischen zählt der heute 29-jährige Schwede zu den Routiniers des deutschen Rekordmeisters. Und er hofft, auch in Zukunft weiter ein Teil der Kieler Erfolgsgeschichte zu sein. Im großen Interview mit dem Arena-Magazin "ZEBRA" zum Heimspiel gegen Göppingen blickt Ekberg auf die...

23.10.2017

Palma de Mallorca. Die Europäische Handball-Föderation (EHF) und die Vereinigung der Spitzenklubs haben sich auf eine langfristige Kooperation bis 2030 geeinigt und damit den Weg für die geplante Reform der Champions League frei gemacht. Die EHF und der Forum Club Handball (FCH) als Interessenvertreter der Vereine unterzeichneten am Montagabend in Palma de Mallorca ein "Memorandum of...

22.10.2017

Hannover. Der Titelverteidiger ist ausgeschieden. In einem kuriosen, wenig hochklassigen, am Ende spannenden Achtelfinale des DHB-Pokals muss sich der krisengeschüttelte THW Kiel bei der TSV Hannover-Burgdorf mit 22:24 (10:13, siehe Spielbericht) geschlagen geben. Die Zebras gehen dabei durch ein Wechselbad der Gefühle, drehen einen 0:8-Rückstand in eine zwischenzeitliche 17:15-Führung und...

19.10.2017

Kiel. Man kann es drehen und wenden, wie man will: Eine Niederlage im DHB-Pokal-Achtelfinale bei der TSV Hannover Burgdorf (heute, 18.30 Uhr, Tui Arena) würde die Krise beim deutschen Rekordpokalsieger THW Kiel erneut heraufbeschwören. "Auf jeden Fall ist es ein sehr wichtiges Spiel. Wir wollen unbedingt weiterkommen", sagt THW-Coach Alfred Gislason. Platz acht (10:8 Punkte) in der Bundesliga,...

18.10.2017

Hannover. Es blieb nicht viel Zeit zum Genießen für die Handball-Recken nach dem 33:27-Triumph über die Füchse Berlin. Die Spieler verbrachten den Sonntagnachmittag mit ihren Liebsten in der Sonne. Und selbst für Trainer Carlos Ortega öffnete sich ein kleines, privates Fenster. "Nach dem Sieg hatten wir ein Essen mit Familie und Freunden, aber dann musste ich mich vor den Fernseher setzen und das...

17.10.2017

Am 23. Oktober startet auch die Handball-Nationalmannschaft in ihre Saison: Zweimal treffen die "Bad Boys" innerhalb des ersten Lehrgangs der neuen Spielzeit, der in Berlin stattfinden wird, auf Spanien: am 28. Oktober (14.15 Uhr) in Magdeburg sowie am 29. Oktober (14.30 Uhr) in Berlin. Für die ersten ernsthaften Test vor der Europameisterschaft im Januar 2018 in Kroatien hat Bundestrainer...

11.10.2017

Kiel/Warschau. Bereits in den vergangenen Wochen hatten die Kieler Nachrichten über einen Wechsel von Andreas Wolff zum polnischen Meister KS Vive Kielce berichtet. Seit Montag ist es offiziell: Der Torwart des THW Kiel wechselt 2019, nach Ablauf seines Vertrages, nach Kielce. Vor laufenden Kameras unterschrieb der 26-Jährige in Warschau bei einer Pressekonferenz des Champions-League-Siegers von...

04.10.2017

Handball-Nationaltorhüter Andreas Wolff wird den THW Kiel nach Ablauf seines Vertrags am 30. Juni 2019 verlassen. Der polnische Meister PGE Vive Kielce verkündete am Montag in Warschau die Verpflichtung des 26 Jahre alten Europameisters zur Saison 2019/2020. 

02.10.2017