KN: Eine neue Zeitrechnung

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Donnerstag, 16.03.2017 // 11:52 Uhr

Leipzig/Hamburg. Gestern war er endlich auf der Brust: der Bundesadler. Am Mittwoch trug Christian Prokop zum ersten Mal das Nationaltrikot. „Endlich ist es so weit, dass ich die Mannschaft kennenlernen darf “, sagte der neue Handball-Bundestrainer bei seinem ersten öffentlichen Auftritt in Hamburg. Der 38-jährige soll den deutschen Handball nun in die Zukunft führen. Oder wie es Bob Hanning, der Vizepräsident des Deutschen Handball-Bundes, sagte: „Mit Christian startet eine neue Zeitrechnung.“ 

Christian Prokop soll die Handball-Nationalmannschaft nach der Ära Sigurdsson in die Zukunft führen.

Nach dem enttäuschenden und überraschenden Aus im Achtelfinale der WM vor sieben Wochen ist es jetzt also an Prokop, die Nationalmannschaft für die EM 2018 in Kroatien fit zu machen. Gestern gab sich der Leipziger bescheiden. „Die Fußstapfen sind groß“, sagte er mit Blick auf EM-Titel und Olympia-Bronze 2016 unter seinem Vorgänger Dagur Sigurdsson. „Wenn man sich die Vergangenheit der Mannschaft und die Erfolge von Dagur ankuckt, kann man den Druck nicht wegdiskutieren, der auf mir lastet.“ Daher bat er auch gleich um Geduld und Zeit, „diese Mannschaft kennenzulernen“. Aber er sagt auch: „Ich bin ein ehrgeiziger Trainer.“

Und wie er das ist. Sein Name ist dabei unweigerlich mit dem rasanten Aufstieg der Leipziger Bundesliga-Handballer verbunden. Willensstärke und Selbstdisziplin zeichnen den freundlichen jungen Mann der, wenn er lacht, wie ein Lausbub aus der Wäsche schaut, aus. Gerade weil ihm der ganz große Wurf als Spieler nicht vergönnt war. 

Das Rückraumtalent erlitt im März 1999 beim Spiel der B-Nationalmannschaft gegen Ägypten im linken Knie einen Meniskusschaden samt Knorpelstückabsprengung. Es folgten Operationen, doch besser wurde das Knie nicht. Ans Aufhören dachte Prokop nicht, zumal er gerade in der Bundesliga (Wuppertal, Minden) angekommen war. Sein Credo: Nichts ist unmöglich.

Um seine Karriere fortzusetzen schulte er von Rechts- auf Linkshänder um, ließ sich dafür sogar den linken Oberschenkel brechen, „um die Belastungsachse zu verändern“. Er begann für die feinmotorische Schulung mit links Suppe zu essen, Bowling oder Tischtennis zu spielen. „Ich habe alles versucht, um weiter professionell Handball spielen zu können, leider hat das Knie nicht mitgespielt“, sagte er einmal.

Sein Vertrag in Minden wurde 2002 nicht verlängert. Und so wird aus dem ehemaligen Rückraumspieler eben ein Trainer. Hildesheim, Braunschweig, Hannover – es ging bergauf für ihn bis in die 2. Bundesliga. Nach Stationen in Magdeburg und Tusem Essen dann der ganz große Wurf mit SC DHfK Leipzig.

Deutschlands ehemaliger Nationalspieler Stefan Kretzschmar hatte die Leipziger auf Prokop aufmerksam gemacht. „Da haben wir einfach angerufen“, erinnerte sich Karsten Günther, DHfK-Geschäftsführer. „Wir hatten eine Mannschaft mit vielen Eigengewächsen und gerade den Klassenerhalt geschafft. Die Chemie zwischen Christian und uns hat einfach gestimmt.“

Aus einem Team, das gerade dem Abstieg in der 2. Liga entkommen war, formte Prokop eine Mannschaft, die 2015 in die Bundesliga aufstieg und sich auf Anhieb festbiss. Dem elften Platz in ihrer Premieren-Saison setzten sie mit der Qualifikation für das Pokal-Final-Four in drei Wochen in Hamburg einen weiteren Erfolg oben drauf.

Prokop selbst wurde vergangene Spielzeit Trainer des Jahres – und spätestens da wurde der DHB auf ihn aufmerksam. Nach großem Hickhack und langen, schwierigen Verhandlungen ist er jetzt angekommen, „und Leipzig sehr dankbar und froh, den Weg mit der Nationalmannschaft bereits in Hamburg beginnen zu können“, wie er gestern sagte.

Und wie ist er jetzt der Neue? „Handballverrückt und einer der talentiertesten Trainer, die ich kenne“, sagt Kretzschmar. Wie ein Chamäleon kann er sein Team dem Gegner anpassen, seine Spieler formen, ihnen immer wieder alles abverlangen. Er verbringt schier endlose Stunden vor dem Computer beim Videostudium. Auch in seiner Freizeit dreht sich alles um das Spiel. Wie ein Besessener saugt er alles auf, was mit Handball zu tun hat.

„Erfolg ist nicht planbar, aber mit Plan planbarer“, hat er einmal gesagt. Und so beginnt er nun auch seine Mission mit der Nationalmannschaft und den ersten Länderspielen am Sonnabend und Sonntag. Was das Team erwartet, verriet er gestern in Hamburg. Attraktiven Handball wolle er spielen lassen, aggressiv verteidigen und diszipliniert angreifen. Sich selbst beschreibt er dabei als „variantenreichen“ und „emotionalen“ Trainer. Ein Unterschied zu seinem manchmal etwas isländisch-unterkühlten Vorgänger Sigurdsson.

Das ihm noch die internationale Erfahrung fehlt, lässt Prokop übrigens nicht gelten. „Ich bin seit 14 Jahren Trainer und damit kein Neuling mehr“, sagte der Familienvater bestimmt. Und: „Ich will die Zukunft sprechen lassen.“ Denn die hat für Ihn gerade begonnen.

(Von Alex Bley und Manuel Becker, aus den Kieler Nachrichten vom 16.03.2017, Foto: Archiv/Sascha Klahn)

 

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