Die Trainerfrage beim DHB

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Montag, 19.02.2018 // 11:01 Uhr

Kiel/Hannover. Heute entscheidet die Spitze des Deutschen Handballbundes (DHB) in einem Hannoveraner Flughafenhotel über die Zukunft von Bundestrainer Christian Prokop. Im Mittelpunkt des Handball-Gipfels steht das Ergebnis der Analyse des desaströsen EM-Abschneidens, die Sportvorstand Axel Kromer nach Informationen unserer Zeitung mittags dem zehnköpfigen DHB-Präsidium vorstellen wird. Alles andere als eine Trennung vom 39-jährigen Prokop wäre mittlerweile eine Überraschung. Am Wochenende wurde indes THW-Trainer Alfred Gislason in Medienberichten als heißester Anwärter auf die Nachfolge gehandelt.

THW dementiert Gislason-Gerüchte

Der Isländer sei als Nachfolger bereits ausgemacht, der THW habe einer möglichen Freistellung sogar zugestimmt, heißt es den Berichten zufolge. THW-Geschäftsführer Thorsten Storm dementierte am Sonntag: "Es gab keine Anfrage vom DHB, es gab keine Antwort vom THW - das ist alles nur Gerüchteküche." Ähnlich äußerte sich auch Handball-Bundesliga-Präsident Uwe Schwenker, der in seiner Funktion auch Mitglied des DHB-Präsidiums ist: "Wir haben uns im Präsidium in keinster Weise mit einer Nachfolgeregelung beschäftigt, das wäre auch unseriös." Eine Einschätzung, wie sich das Gremium am Montag entscheiden wird, falle dem ehemaligen Kieler Manager schwer. In der vergangenen Woche hatte sich Schwenker allerdings skeptisch geäußert und angesichts der "atmosphärischen Störungen" zwischen Mannschaft und Bundestrainer als "schwierig" erachtet, mit Christian Prokop auf dem Cheftrainersessel weiterzumachen.

Gislason selbst quittierte das Gerücht am Rande des Champions-League-Spiels in Aalborg mit einem Grinsen und einem Gruß an seinen Landsmann: "Danke, Dagur Sigurdsson! Ich weiß, woher das Gerücht kommt." Der Ex-Bundestrainer und Europameister sei vor einer Woche im isländischen Fernsehen zur Situation in der deutschen Nationalmannschaft befragt worden und habe offenbar im Scherz "das Gefühl" geäußert, Alfred Gislason würde das Amt des Bundestrainers übernehmen. Vom DHB habe mit ihm jedoch niemand gesprochen. "Es wäre auch respektlos, sich jetzt an Spekulationen zu beteiligen."

Nach nicht mal einem Jahr als Bundestrainer steht Prokop schon wieder vor dem Aus. Ein Grund dafür ist nicht nur der enttäuschende neunte Platz bei dem Turnier im Januar. Vor allem die offensichtlich unüberbrückbaren Differenzen zwischen ihm und Teilen des Teams stehen einer weiteren Zusammenarbeit offenbar im Weg. Dem Vernehmen nach drohen einige Nationalspieler mit ihrem Abschied aus der DHB-Auswahl, sollte der Verband an Prokop festhalten. "Wenn drei, vier Schlüsselspieler aufhören, reicht das schon" , sagt Schwenker. Vor allem durch die Nicht-Nominierung von Abwehrchef Finn Lemke hatte Prokop vor der EM massiv an Autorität eingebüßt.

Dabei versuchten sowohl Prokop als auch die sportliche Führung des DHB in den vergangenen Wochen, die Wogen zu glätten. Noch am Freitag hatte sich Prokop zu Einzelgesprächen mit den Kieler Nationalspielern getroffen, hatte am Donnerstag die Partie des THW Kiel gegen die HSG Wetzlar in der Sparkassen-Arena besucht. "Es waren positive Gespräche, in denen beide Seiten zum Ausdruck gebracht haben, was sie bedrückt hat. Aber die Entscheidung liegt nicht bei uns. Wenn Christian Bundestrainer bleibt, würde ich gern mit ihm weitermachen", sagte THW-Abwehrchef Patrick Wiencek. Steffen Weinhold, einer der Führungsspieler in der Nationalmannschaft, ergänzte: "Jeder hat in den Gesprächen seinen Standpunkt geäußert. Jetzt liegt die Entscheidung beim Präsidium. Wir haben nicht die Macht, einen Trainer zu stürzen - so darf es auch nicht sein. Axel Kromer hat von allen Seiten Meinungen eingeholt und wollte auch unsere Gedanken und Gefühle dazu hören."

Prokops Vertrag mit dem DHB läuft noch bis 2022. Auf 500 000 Euro Ablöse hatte sich der Verband Anfang vergangenen Jahres mit Prokops Ex-Club SC DHfK Leipzig geeinigt. Dieses Geld wäre ebenso weg wie eine wohl sechsstellige Abfindung für den zweifachen Familienvater. Finanziell würde der DHB das zwar stemmen können. Aber sollte Prokop tatsächlich freigestellt werden, würde auch Hanning definitiv seinen Posten räumen. Der für Leistungssport zuständige mächtige DHB-Vize hatte Prokop damals als Bundestrainer durchgesetzt. Knapp ein Jahr vor Beginn der Heim-WM stünde der deutsche Handball dann vor einem personellen Neustart.

(Von Tamo Schwarz und Nils Bastek, aus den Kieler Nachrichten vom 19.02.2018, Foto: Sascha Klahn)