KN: Alfred Gislason: "Die schwerste Saison, die ich je miterlebt habe"

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Sonntag, 10.06.2018 // 00:49 Uhr

Kiel. Spurlos ist die Saison, die dem Handball-Rekordmeister THW Kiel keinen Titel, dafür aber eine große Krise bescherte, nicht an Trainer Alfred Gislason vorübergegangen. Vor seinem Sommerurlaub spricht der 58-jährige Isländer über eine Spielzeit voller Probleme, eine menschliche Enttäuschung und die Zeit nach 2019, wenn er als Trainer des THW aufhört.

Alfred Gislason über Krise, Kritik und das, was nach 2019 kommt

Herr Gislason, sind Sie erleichtert, dass die Saison vorbei ist?
Alfred Gislason: Ja, schon. Das war die schwerste Saison, die ich je miterlebt habe.

Haben Sie den Umbruch unterschätzt? Vor einem Jahr gingen Sie davon aus: Umbruch abgeschlossen, jetzt wird alles gut.
Es ist genau das eingetreten, wovor wir immer gewarnt hatten: Im zweiten Jahr in Folge konnten wir Domagoj Duvnjak kaum einsetzen, der einer der wichtigsten Spieler im Angriff und in der Abwehr und nicht aus Zufall unser Kapitän ist. René Toft Hansen fiel ab Dezember komplett aus. Der vermeintliche Abwehrchef und der vermeintliche Chef im Angriff. Steffen Weinhold hatte in diesem Jahr viermal Muskelverletzungen. Der Umbruch ist abgeschlossen, aber wir sind davon abhängig, dass wir den Kern dieser Mannschaft zusammenhalten und er auch spielen kann. Erfahrene Spieler sind die Garanten für Kontinuität, aber viele waren fast nie dabei. Auf lange Sicht könnte uns das viel bringen.

... weil die Jungen schon so viel Verantwortung tragen mussten?
Genau. Sie haben ungewöhnlich viele Spielanteile bekommen, wie schon in der Vorsaison, als wir die gleichen Probleme hatten. Vor einigen Jahren hat man gesagt, die drei Rechtshänder Lukas Nilsson, Nikola Bilyk und Filip Taleski (RN Löwen, d. Red.) seien die größten Talente ihres Jahrgangs. Taleski spielt kaum bei den Löwen, Nilsson und Bilyk viel. Ich hoffe, dass sich das auszahlt.

Wie fällt vor dem Hintergrund der Probleme und der Krise im Herbst Ihr Saisonfazit aus?
Wir haben einige unverständlich schlechte Spiele gemacht, beispielsweise in Gummersbach oder zu Hause gegen Wetzlar, als Niklas Landin im Kreißsaal war und Andi Wolff seine schlechteste Leistung gezeigt hat. Wir waren nicht vom Glück verfolgt. Der Kindersegen der Mannschaft hat uns nicht gerade in die Karten gespielt. Wir haben Spiele verloren, die wir nicht verlieren dürfen. Es hätte aber auch schlechter ausgehen können, wenn man die Leistung von Patrick Wiencek sieht, der so gut wie durchspielen musste, ganz sicher der Spieler der Saison ist. Sehr enttäuscht sind wir von bestimmten Unruhefaktoren.

Wie zum Beispiel die Affäre um Christian Zeitz, den Sie als größte menschliche Enttäuschung Ihrer Karriere bezeichnen.
Ja, das stimmt. Wir brauchten eigentlich nur für ein Jahr einen Ersatz für Weinhold, haben ihn aus seinem Schlamassel in Veszprém gerettet und ihm dann sogar zwei Jahre Vertrag gegeben. Wir lassen unsere Leute nicht hängen, und er hat uns das auf seine Weise zurückgezahlt ( Zeitz verklagt den THW, d. Red. ).

Die Spieler verweisen nicht auf Verletzungssorgen, sondern sagen: Das war nicht unser Anspruch, diese Spiele hätte man nie verlieren dürfen. Warum hat die Konstanz gefehlt?
Gut, dass die Spieler das erkannt haben. Aber sie müssen dann eben auch ihre Leistung auf die Platte bringen. Vielleicht sagt das Ergebnis am Ende auch, dass sich der eine oder andere vielleicht eher auf den großen Gegner, das Top-Spiel konzentrieren kann als auf vermeintlich leichtere Gegner. Aber gerade das war doch vorher immer unsere Stärke, unser Anspruch, zum Beispiel in der Saison mit 68:0 Punkten.

Wie ist dieses Sieger-Gen verloren gegangen? Wie kann man entgegenwirken?
In der 68:0-Saison hatten wir eine ganze andere Qualität und Breite als in dieser Saison. Du kannst ja nicht bei einem 20-Jährigen auf einen Knopf drücken und sagen: Jetzt bist du wie ein Narcisse. Das geht mit Arbeit, Erfahrung und vielen Spielanteilen. Nilsson und Bilyk sind ein Beispiel. Auch andere haben sich weiterentwickelt. Was Miha Zarabec gegen Vardar Skopje gezeigt hat, war überragend. Wir haben Skopje auseinander genommen wie keine Mannschaft in den letzten zwei Jahren.

Ist die Personalpolitik für die neue Saison abgeschlossen?
Man soll nie "nie" sagen, aber normalerweise ist sie komplett abgeschlossen.

Würden Sie sich noch eine Verstärkung wünschen - Thema Abwehr-Innenblock?
Da wir nicht Champions League spielen, bin ich dankbar für die Spieler, die da sind. Und würden wir noch einen Innenblock-Spieler holen, wäre es das Aus für einen wie Sebastian Firnhaber. Das wäre schade. Flamme hat viel dazu gelernt - ein positiver Effekt aus dem Fehlen von Toft. Er muss aber auch noch viel lernen. Patrick Wiencek und Hendrik Pekeler bilden ein überragendes Duo. Duvnjak kann das auch spielen, Harald Reinkind kann ich mir im Mittelblock auch gut vorstellen.

Wenn Wiencek der Spieler der Saison ist - ist Duvnjak dann weiter das große Sorgenkind?
Ja. Er hat noch immer Probleme mit der Wade, hat bei der Nationalmannschaft abgesagt, um im Sommer fit zu werden. Das ist extrem wichtig. Sorgenkind ist seit zwei Jahren auch Christian Dissinger. Ich glaube, wenn er eine Entscheidung bereut, dann die, zu den Olympischen Spielen zu fahren. Er war seitdem nie wieder richtig fit. Er muss an sich arbeiten. So wie die letzten zwei Saisons gelaufen sind, sind Nilsson und Bilyk klar vor ihm.

Gibt es eine gute Basis, um mit Andreas Wolff noch ein Jahr im Tor weiterzumachen?
Ich gehe davon aus, dass wir mit Landin und Wolff in die Saison gehen. Andi ist Profi genug, und ich bin mir sicher, dass er sich voll reinknien wird.

Haben Sie in dieser Krisen-Saison einen Moment der Amtsmüdigkeit gehabt?
Nein. Es gab viele Probleme, viel Unruhe. Aber es sind sehr, sehr gute Jungs. Ich denke, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Es gab Momente, wo ich mich gefragt habe, wann dieses Pech endlich aufhört. Die Kritik an mir hat mich nicht komplett kalt gelassen. Aber hätte ich das Gefühl gehabt, die Sache nicht mehr im Griff zu haben, hätte ich dem Verein eine Trennung angeboten. Aber natürlich war es eine harte Zeit. Ein Trainer ist nie fehlerfrei. Aber ich bin zu sehr Isländer, um aufzugeben.

Sie wurden beim Kaffeetrinken in Melsungen gesehen. Vertragsverhandlungen?
Sehr eigenartig: Wenn ich sage, dass ich 2019 in der Bundesliga aufhöre, warum sollte ich dann mit einem anderen Bundesligisten verhandeln? Dieses Gespräch hat es nie gegeben. Vielleicht wissen nicht alle so genau, wie ich aussehe, und haben irgendeinen anderen Kantkopf mit Axel Geerken (Melsungen-Geschäftsführer, d. Red.) in einem Restaurant gesehen. Schlechter Stil von Sky, das zu verbreiten und dem nicht richtig nachzugehen. Ein Engagement nach 2019 in der Bundesliga schließe ich aus.

Also ist für Sie im Sommer 2019 Schluss, und Filip Jicha wird Ihr Nachfolger?
Ich gehe davon aus, dass es so kommt. Dann bin ich 60, war 22 Jahre lang Bundesliga-Trainer. Ich möchte eine Mannschaft zurücklassen, die über einen langen Zeitraum in der Liga dominant sein kann. Für die Zeit danach habe ich keinen Plan. Erstmal möchte ich eine Pause machen. Gut möglich, dass ich dem Verein erhalten bleibe. Ich fühle mich sehr verbunden mit dem THW, bin immer loyal geblieben, auch nach den Erfolgen nie abgehauen. Aber ich war auch ewig unterwegs, habe meine Kinder oft nicht gesehen. Jetzt habe ich bald vier Enkelkinder, die ich nur zweimal im Jahr sehe. Leben besteht nicht nur aus dem Handball-Parkett. Jetzt möchte ich meine Zeit beim THW mit Erfolgen abschließen und dann irgendwann einmal in Richtung Nationalcoach gehen.

Ist es ein Risiko, einen Novizen wie Filip Jicha zum Cheftrainer des großen THW zu machen?
Fachlich werden wir mit ihm und Viktor Szilagyi auf lange Sicht gut aufgestellt sein. Vielleicht könnte es eine Funktion von mir sein, Filip in seinem ersten Jahr als Cheftrainer phasenweise zu unterstützen. Ich glaube aber eigentlich nicht, dass er das brauchen wird.

Und jetzt schalten Sie ab und widmen sich Ihren Rosen?
Ich fahre wie immer nach Wendgräben, aber die Rosen habe ich an meine Frau abgegeben. Ich habe aus dem halben Grundstück eine Obstwiese gemacht: alte, seltene Sorten, Pflaumen, Quitten, Mirabellen. Meine Familie wird im Sommer auch kommen. Das ist immer schön.

(Das Interview führte Tamo Schwarz, aus den Kieler Nachrichten vom 09.06.2018, Foto: Archiv/Sascha Klahn)