Im Aufwind

THW Kiel in den Medien
Donnerstag, 10.10.2019 // 10:15 Uhr

Kiel. Kielce, Bergischer HC, Veszprém, Brest, Wetzlar, Lemgo - in dieser Saison muss man lange suchen, um ein Spiel des THW Kiel zu finden, in dem Nikola Bilyk nicht zu den Top-Torschützen der Zebras zählte. Der junge Österreicher spielt seine vierte Saison für den THW Kiel, sticht im Angriff aus dem Team hervor wie noch nie. 4,6 Tore warf der Rückraumspieler im Schnitt pro Partie. Sein Ehrgeiz ist vor dem Spiel gegen die HSG Nordhorn-Lingen (heute, 19 Uhr) noch lange nicht gestillt.

Nikola Bilyk macht beim THW Kiel seinen nächsten Entwicklungsschritt

Gelassen kommentiert Bilyk seinen jüngsten Entwicklungssprung. "Wäre ja auch schlimm, wenn es den nicht geben würde", sagt er mit Blick auf die beiden vergangenen Spielzeiten, in denen er seine Leistung selbst als "durchwachsen" beschreibt. "Das ist in meinem Alter wohl normal. Aber ich wollte immer ein konstanter Spieler sein. Deshalb hat mich das sehr genervt - und umso mehr habe ich mich damit beschäftigt", sagt der 22-Jährige.

Auf der Suche nach Konstanz fand Bilyk Lockerheit. "Der große Unterschied ist, dass ich versuche, in jedes Spiel mit demselben Mut und Selbstvertrauen reinzugehen. Ich habe gelernt, dass man Fehler schnell abhaken muss. Das ist mir in den letzten Jahren etwas schwerer gefallen." Auch von der Arbeit mit THW-Trainer Filip Jicha, der früher selbst aus dem linken Rückraum seine Tore warf, profitiert der Österreicher. "Er bringt mich zum Nachdenken. Und wenn man dann versteht, dass alles eine Sache der Übung und Wiederholung ist und ein Prozess, der länger dauert, zieht man einen Vorteil daraus."

Vor allem in Abwesenheit des zuletzt an der Schulter angeschlagenen Positionskollegen Lukas Nilsson rückte Bilyk in die Verantwortung. "Im Angriff hat er diese Gelegenheit voll zu seinen Gunsten genutzt", sagt Jicha. "Dafür, dass er erst 22 Jahre alt ist, macht er seine Sache sehr gut. Niko ist einer der fleißigsten Spieler, die wir haben. Ihn muss man eher bremsen als schubsen." In der Defensive hat der 1,98-Meter-Mann noch Luft nach oben. "Meine Vision ist, dass er ein tragender Abwehrspieler wird", sagt Jicha. "Aber zu diesem Lernprozess gehören auch negative Erlebnisse."

Auch Bilyk selbst sagt: "In der Abwehr kann ich mich wirklich um einiges verbessern. Im Angriff im Zusammenspiel mit dem Kreisläufer. An meinem Abstand zur Abwehr kann ich arbeiten - da fallen mir viele Baustellen ein. Das Schlimmste, das einem Sportler passieren kann, ist, sich mit Sachen zufrieden zu geben." Schon als Bilyk als 19-jähriges Ausnahmetalent beim THW anheuerte, verkündete er, der beste Handballer der Welt werden zu wollen.

Woher der Ehrgeiz kommt? Mit der Antwort zögert er keine Sekunde. "Meine Familie." Vater Serhij, gebürtiger Ukrainer, wechselte 1999 nach Wien zu den Fivers Margareten. Er und seine Frau Inna brachten sich weitgehend in Eigenregie Deutsch bei, zogen nebenbei Nikola und seine Schwester Mariya groß. "Sie haben von null so vieles geschafft, dass ich nur den Hut davor ziehen kann", sagt Bilyk, der von 2012 bis 2016 gemeinsam mit seinem Vater für die Fivers auflief. "Mein Vater war für mich immer ein Vorbild. Dadurch, dass er nie mit mir zufrieden war, habe ich diesen Ehrgeiz entwickelt."

Was den kleinen Nikola einst wurmte, weiß er nun zu schätzen. "Der Weg ganz nach oben ist einfach ein harter. Du musst hart sein, um dorthin zu kommen. Hart mit dir selbst, leider auch hart mit den Mitmenschen. Freunden, Familie, Freundin - das sind Sachen, auf die man teilweise verzichten muss. Das habe ich sehr früh von meiner Familie gelernt. Dafür werde ich ihnen bis an mein Lebensende sehr dankbar sein."

Als Nikola 2016 aus Wien nach Kiel wechselte, beendete Papa Serhij im Alter von 45 Jahren seine Torwart-Karriere. Sooft es geht, kommen die Eltern zu Spielen nach Kiel, reisten auch mit nach Veszprém. Die kritischen Analysen des Vaters sind geblieben. "Manchmal sagt er 'gutes Spiel'. Aber dann kommt auch gleich der Hinweis auf die Dinge, die ich mir noch mal anschauen sollte", erzählt Nikola. "Und das wird hoffentlich auch so bleiben."

Heute sind Bilyk und Co. im Heimspiel gegen Aufsteiger HSG Nordhorn-Lingen gefordert. "Das ist ein Spiel, das wir gewinnen müssen", sagt Filip Jicha. Die Devise der Kieler lautet: "Unser Ding einfach durchziehen", so der Tscheche, der seine Mannschaft auf eine Verschlepp-Taktik der Gäste eingestellt hat. "Wenn wir unsere Sache nicht gut machen, haben sie eine Chance - das haben wir oft genug erlebt", sagt Jicha. Den Niedersachsen, die am Wochenende gegen Leipzig ihre ersten beiden Punkte der Saison holten, attestiert er ein großes Kämpferherz. "Mit dem Sieg haben sie unter Beweis gestellt, dass sie mit der von außen oft an sie herangetragenen Rolle als klarer Absteiger nicht einverstanden sind. Sie werden mit Rückenwind nach Kiel kommen und das Spiel schlau gestalten."

 (Von Merle Schaack aus den Kieler Nachrichten vom 10.10.2019, Foto: Sascha Klahn