KN-Überblick mit Dr. Marc Weinstock: "Größte Wirtschaftskrise seit dem zweiten Weltkrieg"

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Mittwoch, 25.03.2020 // 16:12 Uhr

Sukzessive werden die ökonomischen Auswirkungen der Corona-Pandemie auf den Sport absehbar. Auch beim deutschen Handball-Rekordmeister THW Kiel. Marc Weinstock, Aufsichtsratsvorsitzender der Zebras, spricht von der "größten Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg". Ein Überblick.

Zur Lage im Sport

Einige Ligen haben ihren Spielbetrieb bereits komplett eingestellt, andere haben die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Beim IOC setzt erst jetzt ein Umdenken ein, die Olympischen Spiele in Tokio zu verlegen. "Die Krise wird den Profisport meiner Meinung nach auf Jahre nachhaltig beeinflussen", sagt Weinstock und ergänzt: "Das Gehaltsniveau wird in ganz vielen Sportarten sinken."

Zur Lage in der Handball-Bundesliga

Frank Bohmann, Geschäftsführer der Handball-Bundesliga (HBL), erwartet für die HBL bei einem Jahresumsatz von 145 Millionen Euro einen Gesamtschaden durch die Krise in Höhe von 25 Millionen Euro. Für Weinstock eine eher vorsichtige Prognose. "Wir erleben derzeit die größte Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg. Statt der angesprochenen 17 Prozent ist meiner Meinung nach bei den Sportvereinen eher mit Umsatzeinbußen in Richtung 30 Prozent zu rechnen", sagt der 53-jährige, der den Chefposten im Gremium der Zebras im Februar 2019 übernommen hat. "Viele Unternehmen, die sich im Handball engagieren, kämpfen ums Überleben. Wenn die von ihren Mitarbeitern Lohnverzicht einfordern oder sogar kündigen, dann können die doch nicht wie bisher ihr Geld in den Handball geben. Die haben erst einmal andere Sorgen als ihren Lieblingsverein zu unterstützen. Ich denke, dass diese Krise für den Profisport viel dramatischer ist, als wir denken. Und meine Sorge ist, dass die Krise im Sport eher kleingeredet wird."

Zur aktuellen Saison

"Ich gehe davon aus, dass in dieser Saison nicht mehr gespielt wird." Klare Worte von Marc Weinstock, der nicht nur für die 66 noch ausstehenden Partien in der Bundesliga ein komplettes Aus erwartet. "Betrachtet man die gesamte gesellschaftliche Entwicklung - das Social Distancing wird in den kommenden Wochen eher noch zunehmen. Darum denke ich, dass wir bis zum 30. Juni nicht mehr spielen werden. Und das gilt sowohl für die Bundesliga als auch für das Final Four im DHB-Pokal."

Zur kommenden Saison

Als "schwierig" sieht Weinstock auch die Zeit über das Saisonende hinaus. "Wann können wir wieder anfangen? In meinen Unternehmen gehe ich davon aus, dass es vor dem Ende des dritten Quartals keine Normalisierung geben wird. Eine Frage, der meines Erachtens bislang zu wenig Beachtung geschenkt wird, ist: Können wir die kommende Saison überhaupt durchspielen? Haben wir nach dem Peak der Pandemie das Schlimmste überstanden, oder gibt es einen Rebound-Effekt? Die Krise wird nicht linear verschwinden."

Zur Lage beim THW Kiel

Geisterspiele, wie sie im Fußball angedacht werden, seien seiner Meinung nach für den Handball keine sinnvolle Option. "Im Fußball machen die Fernsehgelder den größten Einnahmeposten aus. Im Handball hingegen erzielen wir ungefähr 80 Prozent der Einnahmen aus Zuschauer- und Sponsorengeldern. Darum machen Geisterspiele für uns keinen Sinn." Beim THW ergeben allein die Zuschauereinnahmen in Höhe von rund fünf Millionen Euro (Saison 2018/2019, d. Red.) einen Anteil von fast 40 Prozent am Gesamtvolumen. Man werde jetzt "rechnen und dann über alle Maßnahmen in Geschäftsführung und Aufsichtsrat beraten". "Danach", so Weinstock weiter, "werden wir erst einmal mit allen Betroffenen sprechen." Schon jetzt arbeiten die Mitarbeiter der THW-Geschäftsstelle aus dem Homeoffice. Die Fanwelt an der Sparkassen-Arena im Ziegelteich wurde geschlossen. Die Spieler von Chefcoach Filip Jicha befinden sich nicht mehr im Mannschaftstraining.

Zum wirtschaftlichen Ausblick

"Der THW lebt im Normalfall von vielen starken Sponsoren, treuen Fans und einer ausverkauften Halle. Aber wir sind nicht mehr im Normalfall“, sagt Weinstock. „Die Frage ist jetzt: Wie viele Sponsoren und wie viele Fans wollen ihr Geld zurück? Bislang haben alle Sponsoren, mit denen wir gesprochen haben, auf eine Rückerstattung verzichtet. Und auch viele Fans haben uns erklärt, dass sie kein Geld zurück wollen. Das finde ich großartig, und deshalb sprechen wir ja auch immer von den besten Fans der Welt.“ Weinstock betont allerdings auch: "Jeder Fan und jeder Sponsor hat natürlich das Recht auf Rückerstattung, und niemand muss sich dafür erklären, ob oder warum er sein Geld zurückfordert"“ Dann gibt der Boss des Aufsichtsrates noch einen beruhigenden Ausblick für besorgte Fans: "Wir werden diese Saison überstehen, und wir werden auch künftig gute Voraussetzungen haben, um in der europäischen Spitze mitzuspielen."

Zur Solidarität der Spieler

Hier wählt Weinstock ebenfalls klare Worte: "Ohne einen Beitrag der Mannschaft wird es nicht gehen. Ich bin aber überzeugt, dass wir eine Lösung finden. Die Spieler sehen doch auch, was gerade um sie herum passiert. Aber für die nächsten Jahre müssen wir uns in allen Sportarten grundlegende Gedanken machen."

(Von Tamo Schwarz, aus den Kieler Nachrichten vom 24.03.2020, Foto: saschaklahn.com)